«Wenn Jugendliche kein Angebot finden, sinkt das Interesse an unserer Branche»

22. März 2019 agvs-upsa.ch – Ab 2020 haben in der Schweiz mehr Personen einen Tertiärabschluss als einen Sekundar-II-Abschluss im Ausbildungsrucksack. Ist die Schweiz bald ein Land der Hochgebildeten? Wird sich der Fachkräftemangel in den Grundbildungen des Autogewerbes verschärfen? Braucht es in den zunehmend digitaleren Garagen neue Berufsbilder? Olivier Maeder, Geschäftsleitungsmitglied und Bildungsverantwortlicher beim AGVS, sagt im Interview, wie der Schweizer Garagistenverband diese Mammutaufgaben langzeitig vorspurt. 


tki. Herr Maeder, die nationalrätliche Bildungskommission sagt voraus, dass nächstes Jahr mehr Leute über einen tertiären Abschluss verfügen als über einen Sekundarschul-II-Abschluss. Eine Entwicklung, die dem AGVS auf den Magen schlägt? 
Olivier Maeder: Nein. Einerseits wissen wir aus den Megatrends, welche die Basis für das Leitbild «Berufsbildung 2030» darstellen, dass die Tertiärabschlüsse markant zunehmen werden. Andererseits erleben wir auch in unserer Branche durch den rasanten Technologiefortschritt eine zunehmende Komplexität der Automobile. Dadurch wird das Anspruchsniveau an die Fachkräfte auch im Automobilgewerbe erhöht. 

Was bedeutet die zunehmende Zahl Tertiärabschlüsse fürs Autogewerbe und wie fangen Sie diesen Trend auf? 
Die Bedeutung der höheren Berufsbildung für die persönliche berufliche Entwicklung wird weiter zunehmen. Weiterbildung ist ein Wachstumsmarkt. Die Attraktivität eines Berufsfelds, die massgebend durch berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten bestimmt wird, ist zunehmend wichtig für die Gewinnung von Fachkräften. Ein breites und aktuelles Angebot ist ein Muss – daran arbeiten wir stetig. Bei der Überarbeitung oder bei neuen Weiterbildungen mit eidgenössischem Abschluss wollen wir eine möglichst hohe Durchlässigkeit zu den Importeursausbildungen erreichen. Nur so können Doppelspurigkeiten in der Ausbildung minimiert werden, was auch im Interesse unserer Mitglieder ist. Dadurch werden wir ausserdem mehr Absolventen mit Tertiärabschluss für unsere Garagen erhalten. Für die Revision der Weiterbildung zum Kundendienstberater, die dieses Jahr startet, haben wir uns dies auf die Fahne geschrieben. Die Importeure unterstützen dieses herausfordernde Vorhaben.


 

Bildungsökonomen beobachten, dass für Berufe, für die vor zwei Dekaden aus den Volksschulabgängern rekrutiert worden sind, heute Tertiärabschlüsse nötig sind. Inwiefern waren Autoberufe von dieser Professionalisierung tangiert?
Diese Beobachtung gilt auch für unser Gewerbe. Ursprünglich kannten wir wie zahlreiche andere Branchen eine «Meisterausbildung» als Weiterbildung. Zielgruppe waren Geschäftsinhaber und beispielsweise Verantwortliche im Aftersales-Geschäft. Die Weiterbildung vermittelte sowohl technische Kompetenzen als auch kaufmännisches Wissen. In der Werkstatt waren neben dem Meister Automechaniker und angelernte Mitarbeiter tätig. Heute benötigen wir für unser Gewerbe wesentlich mehr Fachkräfte mit Tertiärabschluss, zum Beispiel Automobildiagnostiker, Automobil-Werkstattkoordinatoren, Kundendienstberater, Verkaufsberater sowie Betriebswirte im Automobilgewerbe.

Bedeutet diese Tendenz, dass Sie sich im Autogewerbe mit neuen Berufsbildern für Personen mit Hochschul-/Universitätsabschluss befassen müssen?
Bereits heute arbeiten Fachkräfte in unseren Betrieben, die einen Bachelor-Abschluss an einer Fachhochschule, einen CAS-Abschluss, also ein «Certificate of Advanced Studies», oder gar einen MAS, einen «Master of Advanced Studies», haben. Der Weiterbildungsmarkt an Hochschulen boomt also. CAS- oder MAS-Abschlüsse gibt es wie Sand am Meer. Leider ist die Qualitätsspanne auch sehr breit. Ich behaupte, dass wir mit dem Automobildiagnostiker auf Stufe Berufsprüfung und dem Betriebswirt im Automobilgewerbe auf Stufe höhere Fachprüfung mit unseren Bildungspartnern Weiterbildungen anbieten, die anspruchsvoller sind als gewisse bereits genannte Abschlüsse. Trotzdem dürfen wir uns gegenüber dem Weiterbildungsmarkt der Hochschulen nicht verschliessen. Heute beschränkt sich das Hochschulangebot auf die Bachelor-Ausbildung in Automobiltechnik. Tatsache ist, dass viele Jugendliche einen Hochschulabschluss machen wollen. Wenn sie kein passendes Angebot finden, sinkt das Interesse an unserer Branche.

Auf nationaler Ebene wird prognostiziert, dass es bald an guten Technikern und Informatikern mangelt. Macht sich dieser Fachkräftemangel im Autogewerbe bereits bemerkbar?
Wie in diversen anderen Berufszweigen herrscht in unserer Branche eine angespannte Fachkräftesituation – sei es beim Werkstattpersonal, bei den Service- oder auch bei den Automobil-Verkaufsberatern. Die Anstrengungen, um den Fachkräftebedarf zu decken, werden von Jahr zu Jahr grösser. Deshalb ist eine gute Zusammenarbeit des AGVS mit seinen Sektionen, seinen Mitgliedern, den Bildungspartnern und Importeuren sowie den Werkstattkonzeptanbietern eminent wichtig. Nur mit vereinten Kräften kann dieser Tendenz mit effektiven Massnahmen im Bereich Nachwuchs- und Weiterbildungsmarketing sowie zur Mitarbeiterbindung entgegengewirkt werden.

Lesen Sie das ausführliche Interview in der April-Ausgabe von AUTOINSIDE.

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