«Grüezi Fröllein, kann ich mit dem Chef sprechen?»

19. März 2019 autoberufe.ch – KV-Abschluss und Berufsmatur mit 19, Teilhaberin mit 26, selbstständige Unternehmerin mit 30 Jahren: Die Biografie von Yasmin Bürgi hat es in sich. Mit Optimismus und einer grossen Portion Gelassenheit nimmt die diplomierte Betriebswirtin die Zukunft ihres Betriebs in die Hand.

sco. City Garage GmbH steht in grossen Lettern am Geschäftshaus im Aarauer Telli-Quartier. Yasmin Bürgi lächelt etwas schüchtern, während sie sich fürs Foto an die grosse Nissan-Stele vor dem Haus lehnt. Im Jahr 2014 stieg die heute 31-Jährige zur Teilhaberin von Firmeninhaber Max Fricker auf, seit einem guten Jahr trägt sie als Inhaberin die alleinige Verantwortung für den Kleinbetrieb mit fünf Mitarbeitenden.

«Max fragte mich bei jedem Mitarbeitergespräch, ob ich als Teilhaberin einsteigen möchte», erinnert sie sich lachend an die Zusammenarbeit mit dem Patron und Vorgänger. Dabei war ihr Start ins Autogewerbe durchaus holprig verlaufen. Nach der Lehrabschlussprüfung begann sie bei der City Garage als kaufmännische Angestellte und kümmerte sich dazu um die Hertz-Autovermietung. Zwei Monate später zog sich Hertz vom Standort zurück: «50 Prozent meiner Arbeit waren damit weg.» Max Fricker hatte eine Idee: Sie solle es mit dem Autoverkauf versuchen, riet er seiner jungen Mitarbeiterin. «Dabei hatte ich überhaupt keine Ahnung von Autos!»

AGVS-Lehrgang Autoverkaufsberater
Dafür aber – einen AGVS-Lehrgang später – hatte sie Ahnung vom Verkaufen. «In der Schweiz sind weder Marke noch Preis die entscheidenden Kriterien. Wichtiger ist die Persönlichkeit des Verkaufsberaters», weiss Yasmin Bürgi heute. Mit 26 Jahren, nach der Akquisition von Avis, zahlreichen verkauften Nissans und einem erneuten Mitarbeitergespräch, entschied sie sich, in die Firma einzusteigen. Auf der Suche nach einer Weiterbildungsmöglichkeit stiess sie auf den Lehrgang «Betriebswirt/-in im Automobilgewerbe HFP» an der Handelsschule KV Aarau. «Ich sah die Inhalte und sagte mir: ‹Genial! Das ist genau das, was ich brauche.›»

Sie schätzte einerseits die Atmosphäre in der Klasse («Wir haben alle noch Kontakt.»), aber auch das breit gefächerte Angebot des viersemestrigen Lehrgangs. Dabei ging es nicht einmal nur um Fächer wie Personalführung («Da konnte ich wohl am meisten mitnehmen.»), Recht («Es hilft, Bescheid zu wissen, was im Obligationenrecht steht und was nicht.») oder Marketing («Ich habe kein schriftliches Marketingkonzept, aber ich weiss, was ich tue.») – der Lehrgang habe ihr vor allem Selbstvertrauen gegeben: «Ich erlebe immer wieder, dass Kunden in die Garage kommen, mich sehen und fragen, wo der Chef sei.»

Der Chef ist jung, blond, weiblich
Der Chef ist jung und weiblich. Noch immer die grosse Ausnahme im Schweizer Autogewerbe. Und der Chef fährt ein Elektro-Fahrzeug! Als Nissan-Vertreterin hat sie sich für den Leaf entschieden, mit 380 000 verkauften Exemplaren der weltweit meistverkaufte Stromer. «Ein tolles Fahrzeug», sagt Yasmin Bürgi, die der Herausforderung Elektromobilität mit viel Zuversicht entgegenblickt. «Heute verrechnen wir bei einem Service vor allem Material und etwas Arbeit. Bei Elektrofahrzeugen müssen wir weniger Teile auswechseln, dafür nehmen die Arbeitsstunden durch die vielen Kontrollen zu. Und als Garagisten verdienen wir vor allem an den verrechneten Stunden.»

Im Herbst 2017 schloss die Jung-Unternehmerin ihr Studium zur eidgenössisch diplomierten Betriebswirtin im Automobilgewerbe als Beste ihres Jahrgangs ab. Unterstützung habe sie von einem «megastarken Team» und in ihrem persönlichen Umfeld gefunden. Mittlerweile bleibt neben der Geschäftsleitung sogar wieder Zeit für Hobbys, Yasmin Bürgi ist eine passionierte Tänzerin.

In ihrer Garage gibt sie heute den Takt und die Melodie vor. Dabei ist Yasmin Bürgis Blick in die Zukunft frei von Träumereien und Romantik; sie blickt zuversichtlich, aber auch mit einer gesunden Portion Realismus auf das, was noch kommen wird: «In welcher Branche hat man schon die Gewissheit, was man in 20 Jahren macht?» Ihre beruflichen Ziele definiert sie bescheiden: «Ich will nicht wachsen. Ich möchte den Betrieb stabil halten und in der Lage sein, meinen Mitarbeitern regelmässig und pünktlich die Löhne zu überweisen. Wenn Ende Jahr ein kleiner Gewinn rausschaut, dann bin ich happy.»
 
Diplomierte/r Betriebswirt/-in im Automobilgewerbe: In vier Semestern zum Unternehmer reifen

Dauer: vier Semester in neun Modulen (berufsbegleitend)

Abschluss: Dipl. Betriebswirt/in im Automobilgewerbe

Inhalte: Die Ausbildung zum eidgenössisch diplomierten Betriebswirt respektive zur eidgenössisch diplomierten Betriebswirtin im Automobilgewerbe tangiert die Bereiche Finanzwesen, Recht, Personalführung, Marketing, Handel von Neu- und Occasionsfahrzeugen, Kundendienst, Werkstätten, Ersatzteilhandel und Administration.

Lernziele: Die Absolventen erarbeiten sich das Rüstzeug, um Unternehmensstrategien festzulegen, die Finanzen und das Controlling ihrer Garage zu steuern, Produkte und Dienstleistungen zu positionieren, den Infrastrukturbedarf (inklusive EDV) zu analysieren, das interne Pflichtenheft zu verfassen, die Prozesse im Unternehmen zu managen und Erfolgskontrollen durchzuführen.

Zulassungsvoraussetzungen: Zur Abschlussprüfung wird zugelassen, wer über einen eidgenössischen Fachausweis im Automobilgewerbe oder einen von der Qualitätssicherungskommission anerkannten gleichwertigen Abschluss verfügt. Zudem müssen Kandidierende nach dem Erwerb des Fachausweises und zum Zeitpunkt des Anmeldeschlusses zwei Jahre Praxiserfahrung nachweisen können und über die erforderlichen Modulabschlüsse verfügen.

Weitere Informationen finden Sie hier.




 
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