Ein Kompetenzniveau wie bei Verbrennungsmotoren

25. Januar 2021 agvs-upsa.ch  – Der Wandel der Antriebstechnologien wirkt sich auch auf die Berufsbildung aus. Neue Kompetenzen sind gefragt. Olivier Maeder ist in der AGVS-Geschäftsleitung für den Bereich Bildung zuständig und erklärt, wie der Verband und seine Partner auf diese Herausforderung reagieren. 

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Quelle: AGVS-Medien

Herr Maeder, jeder zehnte Neuwagen, der in der Schweiz verkauft wird, verfügt über einen elektrischen Antrieb. Was bedeutet das für die berufliche Bildung im Autogewerbe?
Olivier Maeder, AGVS-Bildungsverantwortlicher: Dass die Kompetenzen der Fachkräfte für die Wartung, Reparatur und Diagnose auch für batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) und Plug-in Hybrid-Fahrzeuge (PHEV) schweizweit breit abgestützt werden.

Und wer stellt das sicher?
Das sind die Trainingscenter der Importeure, aber auch Berufsfachschulen, AGVS-Ausbildungscenter und weiter darauf spezialisierte Bildungspartner. Die Aktivitäten werden laufend ausgebaut. Stetige Weiterbildung ist notwendig, um ein vergleichbares Kompetenzniveau zu erreichen wie bei den konventionellen Verbrennungsmotoren. Mittlerweile ist die Anzahl der Bildungspartner, welche die Ausbildung für den AGVS-Kompetenzausweis Hochvolt anbieten, auf über 100 angewachsen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass dieser mit der Bildungsverordnung 2018 ein Bestandteil der Ausbildung zum Automobil-Mechatroniker ist.

Die Umsetzung der Grundbildung ist Sache der Kantone. Inwieweit unterstützt der AGVS diese und die Sektionen beziehungsweise die Mitglieder in der Transformation der Lehrinhalte?
Das beginnt bereits mit der Revision einer Grundbildung, indem Vertreter aller Lernorte in den Prozess miteinbezogen werden. So waren in die Erarbeitung der Bildungsverordnung weit über 100 Personen involviert. Neben Vertretern aus allen Landesregionen, der Berufsschulen, der überbetrieblichen Kurse und Berufsbildern aus den Betrieben wurden bewusst auch Vertreter von Herstellern beziehungsweise Importeuren für die Zukunftskompetenzen miteinbezogen. Sowie junge Fachkräfte, die für die Ist-Analyse über ihre aktuellen Tätigkeiten im Betrieb Auskunft geben konnten. 

Das sieht in der Tat nach einer breiten Abstützung aus. Wer koordiniert diese grosse Zahl an involvierten Fachleuten?
Das ist Aufgabe einer eigens eingesetzten Revisionskommission. Diese wiederum gab ihre Empfehlungen der ständigen Kommission Berufsentwicklung & Qualität des AGVS zur Beurteilung weiter und schliesslich war es die nationale Berufsbildungskommission unter anderen mit Vertretern aus allen Sektionen, die entschied, welche Handlungskompetenzen die überarbeitenden technischen Autoberufe beinhalten sollen.
 
 
Und auf welchen Wegen werden die AGVS-Mitglieder über solche einschneidenden Veränderungen informiert?
Das geschieht einerseits an Infoveranstaltungen und mit schriftlichen Berichterstattungen. Weiter gibt es auf unserer Website unter der entsprechenden Grundbildung zahlreiche Dokumente, welche die Umsetzung unterstützen, beispielsweise die Ausbildungsprogramme mit der integrieren Lernkontrolle für Betriebe. Zudem befasst sich eines der Didaktikmodule mit den Neuerungen der Bildungsverordnung der technischen Autoberufe. Insbesondere für die Ausbildung der Hochvoltkompetenzen haben wir «Train to Trainer»-Schulungen für Berufsfachschullehrer und Werkstattlehrer der Ausbildungscenter angeboten. Einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung leisten auch der SVBA (Schweizerische Vereinigung der Berufsschullehrer für Automobiltechnik) und der VSW (Vereinigung der Werkstattlehrer). Sowohl der SVBA und der VSW haben elektronische Lehrmittel für die Grundbildung eingeführt. Der VSW hat dies in Zusammenarbeit mit dem AGVS gemacht. Zudem unterstützt der AGVS als Partner zusammen mit dem SVBA, dem A&W-Verlag, den AGVS-Medien und dem Autorenteam die Entwicklung eines Lehrmittels zum Thema alternative Antriebe für alle interessierten Fachkräfte. 
 
Neben der Elektromobilität gilt der Wasserstoff als Thema der Zukunft. Wie beurteilt dies der AGVS?
Mit dem Toyota Mirai und Hyundai Nexo haben wir bereits seit mehreren Jahren zwei PKW-Modelle auf dem Schweizer Markt – wenn auch in kleinen Stückzahlen. Auch Kia hat inzwischen ein entsprechendes Modell angekündigt. Der Aftersales für diese Fahrzeuge wird von einzelnen zertifizierten Markenhändlern oder direkt durch den Importeur wahrgenommen. Letztes Jahr wurden ausserdem die ersten Hyundai-LKW mit Brennstoffzellentechnologie in der Schweiz immatrikuliert, deren Servicenetz durch die Auto AG betrieben wird. Das Thema Wasserstoff beziehungsweise Brennstoffzelle nimmt also definitiv Fahrt auf, auch weil durch den Förderverein H2 Mobilität Schweiz ein entsprechendes Tankstellennetz aufgebaut wird. 

Bleiben wir bei den Nutzfahrzeugen. Dort setzen verschiedene Transporteure auf CNG und LNG – also die gasförmige respektive flüssige Form von Erdgas und Biogas. 
Dies hat den AGVS bewogen, einen Fachsauschuss Gas zu etablieren. Wir wollen damit gute Rahmenbedingungen für den Umgang mit gasförmigen Treibstoffen schaffen. Der Fachausschuss wirkt als koordinierendes Organ zwischen Behörden, Fachorganisationen, Fahrzeugimporteuren, Betrieben des Transport- und Fahrzeuggewerbes und Bildungsstätten. Geplant ist unter anderem, im Jahr 2021 ein Grundmodul Gas mit einem entsprechenden AGVS-Kompetenzausweis zu entwickeln, vergleichbar mit dem Hochvolt- Kompetenzausweis. Dieses Grundmodul soll ab 2022 die Basis bilden für weiterführende Kurse einer spezifischen Gas-Antriebstechnologie beispielsweise durch einen Hersteller oder Importeur und durch weitere spezialisierte Bildungspartner.

Gibt es auch Projekte in den Sektionen oder bei Bildungspartnern?
Das Weiterbildungszentrum wbz in Lenzburg, plant ab Herbst einen Lehrgang zum Thema alternative Antriebe anzubieten. Dasselbe plant die AGVS Sektion Zentralschweiz, die jedoch zusätzlich neben dem Lehrgang einzelne entsprechende Kursmodule anbieten und damit auch die entsprechenden Kompetenzen aufbauen möchte. Die AGVS Sektion Genf und die Larag sind in ein Wasserstoff Projekt mit dem Namen «GOH!» involviert. Dieses sieht den Bau, den Test und den Betrieb eines von Wasserstoff angetriebenen 40-Tonnen-Anhängerzugs vor. 

Diese Vielfalt und Dynamik machen Autoberufe sehr spannend: Macht dies die Suche nach geeigneten Nachwuchskräften einfacher?
Neben den alternativen Antrieben sind weitere technische Innovationen wie das automatisierte Fahren und auch das sich verändernde Mobilitätsverhalten der Gesellschaft Themen, über welche die Medien aktuell gerne berichten. Als Verband werden wir dazu von den Medien häufig angefragt, insbesondere auch zu Bildungsthemen wie der Entwicklung der Autoberufe. Diese Medienpräsenz ist sicher hilfreich, um das Image der Branche zu stärken und Nachwuchskräfte zu finden. Nichtsdestotrotz ist die Fachkräftesituation bekanntlich auch bei uns angespannt.

Gibt es weitere Bildungsaktivitäten des AGVS zum Thema alternative Antriebe?
Aufgrund der Ergebnisse einer ERFA-Tagung mit AGVS Hochvolt-Bildungspartnern wurde unter anderem ein Kurskonzept für Arbeiten an nicht eigensicheren Hochvoltsystemen entwickelt. Zudem wird die AGVS Business Academy in diesem Jahr Seminare für Automobilverkaufsberater zum Thema Elektromobilität anbieten. Des Weiteren wurde in mehreren Workshops ein Konzept zur Integration der Kompetenzen für die alternativen Antriebe in den Lehrgang Automobildiagnostiker und –Werkstattkoordinator entwickelt. Dessen Umsetzung ist für einzelne Bildungspartner im Sinne eines Piloten ab Herbst 2021 vorgesehen.
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