Altes Blech als Chance für die Zukunft

13. Mai 2018 autoberufe.ch – Ein traumhaft eleganter Lancia Flavia erzählt vom Dolce Vita vergangener Tage, ein liebevoll restaurierter VW Käfer erholt sich von der langen Autobahnfahrt, daneben glänzen zwei angejahrte Jaguars in der Abendsonne: Wenn die frischgebackenen Fahrzeugrestauratoren ihre eidgenössischen Fachausweise entgegennehmen können, beginnt die Show schon auf dem Parkplatz.
 
Dieses Jahr war es die Autobau Erlebniswelt in Romanshorn, die den stimmungsvollen Rahmen für die Fachausweisübergabe an zehn Fahrzeugrestauratoren bildete. «Mein Herz lacht, wenn ich diese wunderbaren Autos auf dem Parkplatz stehen sehe», begrüsste Autobau-Geschäftsführer Fredy Lienhard die Absolventen und rund 50 Gäste. «Oldtimer sind Emotion pur. Man ist nie sicher, ob ein Oldtimer am Morgen anspringt oder zuverlässig sein Ziel findet. Aber das ist Teil der Faszination. Und wenn man selbst Hand anlegen kann, dann ist das perfekt.»
 
«Ein Virus, der dich nicht mehr loslässt»
Selbst Hand anlegen kann beispielsweise Kevin Frey (Bild links mit Bruno Sinzig), frischgebackener Fahrzeugrestaurator bei der Autowelt Bachmann in Inwil LU, die sich auf Oldtimer der Marken VW und Audi spezialisiert hat. «Oldtimer sind wie ein Virus, der dich nicht mehr loslässt», beschreibt Frey seine Beziehung zu den Klassikern. Livio Arquint – er arbeitet bei British Classic Cars in Knonau ZH – pflichtet bei: «Die alten Autos klingen und riechen ganz anders als die modernen Fahrzeuge.» Als Teenager habe er an seinem Töffli geschraubt, jetzt sind es Fahrzeuge britischer Provenienz.
 
Insgesamt zehn junge Fachleute haben die Weiterbildung erfolgreich abgeschlossen. Gastgeber Fredy Lienhard gratulierte den acht in Romanshorn anwesenden Absolventen in zweifacher Hinsicht: «Erstens für den bestandenen Abschluss, zweitens für die Branche, die ihr gewählt habt. Sie hat Zukunft.» Erst zum zweiten Mal fand dieser feierliche Event statt – die Weiterbildung zum Fahrzeugrestaurator bzw. -restauratorin ist die jüngste des AGVS. Der Garagistenverband hat sich mit dem Schweizerischen Carrossierverband (VSCI) und der Interessengemeinschaft Fahrzeugrestauratoren Schweiz (IgFS) zusammengeschlossen, um diesen Lehrgang anzubieten. Während vor einem Jahr ausschliesslich Absolventen der Fachrichtung Automobiltechnik ausgezeichnet wurden, waren am Freitag in Romanshorn erstmals auch zwei Fahrzeugrestauratoren der Fachtechnik Carrosseriespenglerei unter den Diplomanden: Bruno Buchwalder und Christian Zbinden.
 
«Das Marktpotenzial besteht», erklärte IgFS-Präsident Christian Ackermann, «die Zahl an 30- und 40-jährigen Autos wächst kontinuierlich.» Diese Aussage lässt sich mit Zahlen belegen: 1991 waren erst 20'000 Autos älter als 30 Jahre, heute wird diese Zahl auf 80'000 geschätzt.
 
Viele der erfolgreichen Absolventen arbeiten in kleinen, spezialisierten Oldtimer-Werkstätten. «Die Branche lebt auch von Ein-Mann-Betrieben», sagte Fredy Lienhard und ermutigte die frischgebackenen Fahrzeugrestauratoren, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. «Der Oldtimer- und Youngtimermarkt ist ein Wachstumsmarkt», ergänzte Olivier Maeder, Geschäftsleiter Bildung im AGVS. «Wir brauchen Fahrzeugrestauratoren.» Viele ältere Mechaniker, die sich mit den alten Fahrzeugen noch auskennen, stehen kurz vor der Pensionierung. Es ist wichtig, dass das Wissen erhalten bleibt.
 
Entsprechend anspruchsvoll waren sowohl Lehrgang wie auch Prüfung. Während von den elf Teilnehmern in der Fachrichtung Automobiltechnik immerhin acht ihren Fachausweis erwerben konnten, war die Quote bei den Carrosseriespenglern deutlich tiefer: Acht waren vor zwei Jahren gestartet, drei stiegen während des Lehrgangs aus und von den fünf Prüfungsteilnehmern nahmen lediglich zwei die Hürde. Die Herausforderung: Von den Kandidaten war in jeder Disziplin eine genügende Note gefordert. «Es war anspruchsvoll», erzählte Bruno Buchwalder, «an der Prüfung ist mir die Zeit davongelaufen. Ich konnte nicht die Qualität bieten, die ich gerne gehabt hätte.»
 
Dafür ging die Bestnote des Jahrgangs an einen Carrosseriespengler: Christian Zbinden aus Schwarzenburg BE erreichte die hervorragende Durchschnittsnote 5,5. In der Fachrichtung Automobiltechnik schwangen Kevin Frey aus Rickenbach LU und Angelo Tenore aus Emmen LU mit der Note 5,1 obenaus. Der Präsident der Prüfungskommission Bruno Sinzig, der Buchwalder und seinen erfolgreichen Kollegen die Fachausweise übergeben durfte, ermunterte jene Kandidaten, welche die Prüfung nicht bestanden hatten, in einem Jahr einen neuerlichen Anlauf zu nehmen.
 
«Altes Blech und doch zukunftsweisend»
«Obwohl wir hier über alte Technik und altes Blech sprechen, so ist diese Weiterbildung zukunftsweisend», bestätigte Maeder und erwähnte die grossen Anstrengungen, welche die Schweizer Garagisten unternehmen, um Fachkräfte zu finden, die qualitativ und quantitativ genügen: «Erfreulich ist, dass die Lehreintritte in unserem Gewerbe in den letzten vier Jahren stabil sind. Aber wir unternehmen jedes Jahr mehr, um dieses Ziel zu erreichen.» Diese Stabilität, so Maeder, sei auch wichtig für die Fahrzeugrestauratoren: «Denn die jungen Leute, die heute ihre berufliche Grundbildung beginnen, sind die Fahrzeugrestauratoren von morgen.» Ein breites und attraktives Weiterbildungsangebot sei wichtig für die Branche: «Und dieser Lehrgang ergänzt das Programm perfekt – ironischerweise ist es unser jüngster Lehrgang, der sich um die ältesten Fahrzeuge dreht.»

 
Die ausgezeichneten Fahrzeugrestauratoren:

Fachrichtung Automobiltechnik:


Kevin Frey, Rickenbach LU
Roger von Allman, Gwatt BE
Andreas Jäger, Balgach SO
Livio Arquint, Schwyz
Dominik Kocher, Selzach
Sandro Schäpper, Mühlehorn GL
Luca Dosch, Masein GR
Angelo Tenore, Emmen

Fachrichtung Carrosseriespenglerei:

Bruno Buchwalder, Wolfwil SO
Christian Zbinden, Schwarzenburg BE
 

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