So geht Rekrutierung in Zeiten von Corona

3. November 2020 autoberufe.ch – Online-Schnupperkurse, virtuelle Lehrstellenbörse oder Videokonferenzen: Die Suche nach Nachwuchskräften muss auch in herausfordernden Situationen weitergehen. Warum und wie weiss Thomas Jenni, Geschäftsführer der AGVS Sektion Solothurn und Projektleiter Berufsbildungsmarketing beim Kantonal-­Solothurnischen Gewerbeverband.


Für Garagisten ist es auch in Zeiten von Corona möglich, geeignete Nachwuchskräfte zu finden. Quelle: Istock

cst. Lernende in Zeiten von Corona für das Autogewerbe begeistern? Das geht! Auch wenn während des Lockdowns Lehrstellenbörsen abgesagt werden mussten oder Schulbesuche nicht möglich waren. Gerade in solchen Situationen ist es wichtig, schnell zu reagieren, um Lernende anzusprechen. Der AGVS etwa bot allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit des Online-Schnupperns. Dank Imagevideos und zahlreichen Informationen über die acht Grundbildungen erhielten sie einen Einblick in die spannenden Berufe des Autogewerbes.

Auch Thomas Jenni blieb nicht inaktiv. Er ist bekannt dafür, dass er regelmässig Schulklassen besucht und den Schülern eine Ausbildung im Autogewerbe schmackhaft macht. Da der Präsenzunterricht von Mitte März bis Anfang Mai nicht stattfand, suchte Jenni nach alternativen Wegen, um mit den Schülern in Kontakt zu treten. «Kurz nach dem Lockdown haben wir in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine virtuelle Lehrstellenbörse lanciert und hunderte Betriebe über das neue Angebot des Gewerbeverbands informiert. Innert Kürze hatten wir rund 140 freie Lehrstellen beisammen. Darunter waren auch viele aus dem Autogewerbe», erinnert er sich. Dann galt es, die Schulen anzuschreiben, die inzwischen auf Fernunterricht umgestellt hatten. Mit Erfolg: Einige Tage später lagen über 160 Bewerbungen vor. Die Dossiers wurden geprüft und der Kontakt zwischen Unternehmen und Schülern hergestellt. «Dass das Angebot derart auf Zustimmung stösst, hat uns sehr gefreut. Es zeigt gleichzeitig aber auch auf, wie wichtig es ist, sich stetig um den Nachwuchs zu kümmern.» Das Bedürfnis wurde erkannt: Die virtuelle Lehrstellenbörse findet nächstes Jahr wieder statt.
 
Auch für «Rent-a-Boss», eine Aktion der Solothurner Wirtschaftsverbände, suchte Thomas Jenni nach einer Alternative. Für Gewöhnlich statten Wirtschaftsvertreter einen Besuch in Schulklassen ab, erzählen von ihrem Berufsalltag und beantworten Fragen. Sie führen fiktive Bewerbungsgespräche mit den Schülern und geben Eltern und Schülern Auskunft über den Selektionsprozess und die Anforderungen der Betriebe an Lernende. «Da dies im Frühjahr nicht möglich war, organisierten wir Videokonferenzen mit den Klassen. So konnte der Kontakt aufrechterhalten bleiben.» Digitale Angebote seien eine ideale Ergänzung, ist Jenni überzeugt. «Den Vor-Ort-Besuch können sie aber nicht ersetzen.» Beim physischen Aufeinandertreffen schaffen Betriebe einerseits Nähe zu potenziellen Nachwuchskräften und lernen sie kennen. Andererseits merken Schüler auf Anhieb, ob die Chemie passt oder nicht.
 
«In Anbetracht von Corona und der Tatsache, dass die Autoberufe Schwankungen unterliegen, ist das Autogewerbe mit der Situation ziemlich gut zurechtgekommen», sagt Jenni. So wurden beispielsweise im Kanton Solothurn nur minim weniger Lehrverträge abgeschlossen als 2019. Im benachbarten Aargau ist die Zahl neuer Lehrverhältnisse so hoch wie seit 2014 nicht mehr. Dabei spricht der Geschäftsführer der AGVS Sektion Solothurn den Garagisten ein Lob aus. «Die Betriebe stecken den Kopf nicht in den Sand. Sie liessen und lassen die Chance nicht aus, an unseren Aktionen mitzumachen.»

Auf die Frage, weshalb sich Thomas ­Jenni so stark für den Berufsnachwuchs engagiert, sagt er: «Zum einen sind wir auf Nachwuchs angewiesen.» Zum anderen gelte es, den Jugendlichen eine Perspektive zu bieten. «Wenn sie in die Jugendarbeitslosigkeit abdriften und vom Sozialstaat unterstützt werden müssen, ist niemandem ein Gefallen getan. Es liegt also in unserem Interesse, den Jungen zu einer Ausbildung zu verhelfen.» Dafür sei jeder und jede gefordert.

Wie sich das Jahr 2021 in Bezug auf die Lehrstellen-Situation entwickelt, kann Thomas Jenni nicht sagen. «Wichtig ist, dass man dranbleibt, Projekte aufgleist und Ideen, die auf Anhieb unrealisierbar scheinen, weiterverfolgt», betont er und fügt an: «Wir haben bewiesen, dass wir auch in herausfordernden Zeiten gut reagieren und Chancen nutzen.» Was können einzelne Garagisten tun, die vielleicht keine Möglichkeit haben, sich kantonalen Lehrstellenmarketingprojekten anzuschliessen? «Den Kontakt mit den Kundinnen und Kunden suchen!», sagt Jenni. Ob direkt im Gespräch, via E-Mail oder im Newsletter: Auf verschiedenen Kanälen können Betriebe darauf hinweisen, dass sie Lernende suchen und ausbilden. «Das rückt das Unternehmen in ein positives Licht. Die Kunden sehen, dass sie nicht nur Reparaturen ausführen und Autos verkaufen, sondern sich auch um den Nachwuchs kümmern.» Die Wahrscheinlichkeit sei gross, dass Kunden die Nachricht weiterverbreiten und im Bekanntenkreis offene Türen einrennen. «Die Kunden auf das Thema ansprechen, kostet den Garagisten nichts, bietet ihm aber grosses Potenzial.» 
 
Schnuppern und Eignungstests weiter möglich
Ein wichtiges Instrument, um Berufsnachwuchs zu finden, sind Schnupperlehren und Eignungstests. Diese können grundsätzlich weiterhin durchgeführt werden – unter Berücksichtigung des entsprechenden Schutzkonzeptes und sofern die kantonalen Behörden dies nicht explizit verbieten. Auch das «Online-Schnuppern» auf autoberufe.ch ist weiterhin möglich: Wer sich für einen spannenden Beruf im Autogewerbe interessiert, kann sich hier über die Vielfältigkeit der Grundbildungen informieren.

 

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