Weiterbildung – das Gebot der Stunde

16. November 2018 agvs-upsa.ch – Technische und administrative Aufgaben an Neuwagen werden zunehmend komplexer – nicht nur handwerklich, sondern vor allem aufgrund der Vernetzung der Fahrzeuge. Die markenunabhängigen Garagen kämpfen um den Zugang zu den Fahrzeugdaten der Hersteller. Eine Aufgabe, die auch die Entwickler von Diagnosegeräten und Software beschäftigt. Hella Gutmann und TechPool setzen sich deshalb mit den Garagisten am «Stammtisch Diagnose» zusammen.



tki. Das Internet of Things (IoT), das dieser Tage ein Spielfeld für die Weiterentwicklung der Infotainmentsysteme, On-Board-Diagnostic, aber auch bei den Sicherheitssensoren und des 360-Grad-Kamerasystems ist, führt momentan zu einer anderen Herausforderung in der Fahrzeugwartung und -reparatur: Das Management von immensen Datenmengen, die der gesamten Wertschöpfungskette des Autogewerbes zugänglich gemacht werden müssen. «Für freie Garagen ein Problem», brachte Martin Rohner von TechPool auf den Punkt, weshalb er auf Einladung von Hella Gutmann Solutions in Winterthur vor gut 50 Garagenmitarbeitern aus der Region Zürich referierte. «Wir touren mit 22 Stationen durch die ganze Schweiz, laden unsere Produktnutzer zum Stammtisch und diskutieren allfällige Anwenderprobleme, aber auch Weiterentwicklungen der Diagnosemöglichkeiten», erklärte Jean-Paul Nicolier, Managing Director der Hella Gutmann Solutions International AG.

Und entsprechend pointiert zeigten die Organisatoren die Notwendigkeit auf, sich ein Stück des Kuchens der künftigen Reparaturaufträge zu sichern. «Gemäss Studien werden im Jahr 2020 weltweit 250 Millionen vernetzte Fahrzeuge unterwegs sein», so Martin Rohner, technischer Fahrzeugexperte und Diagnoseausrüstungsspezialist bei TechPool, der gerade auch in Gesprächen mit Partnern der SAG-Garagenkonzepte «Garage Plus» und «Car Xpert» Erklärungsbedarf rund um diese Thematik wahrnimmt. «Bis 2025 dürfte dann der gesamte Fahrzeugbestand interkonnektiv sein, nochmals zehn Jahre später sollten drei Viertel aller Fahrzeuge autonom unterwegs sein.» Dass diese Prognosen nicht in Stein gemeisselt sind, zeigte die rhetorische Frage eines Garagisten «Und können sich all diese Fahrzeuge künftig gleich selbst kalibrieren?» auf.

Das Auto weiss im ersten Moment mehr als die Garage
Klar ist aber trotz all des Wandels: Ob nun in fünf, zehn oder 30 Jahren – die Beziehung zwischen dem Kunden und seinem Garagisten wird sich grundlegend verändern. «Wir steuern in eine Zukunft der vollen Transparenz. Der Kunde wird in unsere Garage fahren und weiss vor uns, welcher Fehlercode sein Auto hat – sein Boardcomputer hat die Fehlerdiagnose übernommen und ihm diese via Smartphone-Nachricht zugänglich gemacht», schilderte Rohner ein Szenario, das keinesfalls nur negativ sei. «Wenn ihr euch als freie Garagen darauf einlasst und euch diesen Plattformen anschliesst, rufen euch eure Kunden auch künftig noch an, sobald im Fahrzeugsystem etwas rot aufleuchtet», versprach der Technomag-Diagnostikfachmann.

Den aktuellen Stand der Werkstätten abholen
Die Vorteile liegen auf der Hand, nun gelte es, die Ängste abzubauen. «Durch Wissen um die Möglichkeiten», ergänzte Jean-Paul Nicolier. «Ein weiteres Ziel der Stammtische ist natürlich, den Status der gut 5500 sich in der Schweiz im Umlauf befindlichen Diagnosegeräte zu monitoren», so Nicolier im Hinblick darauf, dass diverse Abdeckungen für ältere Modelle 2020 auslaufen.

Das Gebot der Stunde: Weiterbildung
Reines Selfmarketing also, einen «Stammtisch Diagnose» einzuberufen? «Ja, wir lernen direkt von den Rückmeldungen aus der Praxis», räumt Okan Narli, Regional Sales Manager, ein. «Doch mit 800 000 an Kamerasystemen durchgeführten Kalibrationen können wir den Garagisten ebenfalls wichtige Einsichten in technologische Weiterentwicklungen mitgeben.» Generell ist das Weiterkommen oder eben Weiterbilden das Stichwort der Stunde respektive der digitalen Revolution der Industrie 4.0 – ob in Eigenregie durch vertiefte Lektüre, durch Anfrage an den AGVS, der seinen Mitgliedern diverse Vorlagen und Informationen zur Verfügung stellt, ob durch Hilfe seiner Marke oder seiner Zulieferer oder aber mit Schulungen. «Ich habe keine Zeit, ist kein Argument mehr», appellierte Jean-Paul Nicolier daran, am Ball zu bleiben respektive den Motor am Laufen zu erhalten. 
 

DSGVO
Die 2018 in Kraft getretene neue europäische Datenschutzverordnung (DSGVO) gilt in 28 EU-Staaten und hält Schweizer Garagisten mit Kunden aus dem EU-Raum noch immer auf Trab. Das Gesetz regelt den Umgang von personenbezogenen Daten bei privaten Unternehmen, staatlichen Behörden und Organisationen. Die Verarbeitung von Daten beginnt, sobald Kundendaten gesammelt werden, geht damit weiter, wenn sie in einem Adressbuch zusammengeführt, aus einem Register extrahiert und weitergegeben werden. Zwei Empfehlungen:
Personendaten, die seit drei Jahren nicht genutzt worden sind, sollten aus der Datenbank gelöscht werden.
→ Alle 13 Monate muss die Zustimmung der Besucher der eigenen Website zur Verarbeitung von Cookies eingeholt werden.

Merkblatt und Infos finden sich hier.

Nachgefragt bei Hella Gutmann

Herr Narli, wie fit sind die Schweizer Garagisten bei den Themen «Telematik» und «Interkonnektivität»? 
Okan Narli: Uns ist klar, dass dieses Thema für die einzelnen Garagisten Neuland ist. Doch es besteht kein Zweifel, dass sich jeder, der seinen Kunden mittelfristig eine möglichst grosse Bandbreite Dienstleistungen anbieten möchte, mit diesem Zukunftsthema befassen muss. 

Wie harte Bandagen brauchen die freien Garagisten im Kampf um die Daten?
Um Daten müssen sich Garagisten eigentlich keine allzu grossen Sorgen machen, denn seit 2010 und mit den Euro 5/6 Normen sind die Importeure verpflichtet, die Daten auch freien Werkstätten zur Verwendung freizugeben. Dies erfolgt je nach Datenauswahl zu unterschiedlichen Kosten. Doch das Anmelden bei den einzelnen Importeuren ist zeitaufwendig und erfordert etwas Geduld.




 

Nachgefragt bei Technomag und TechPool 

Herr Rohner, welche Weiterbildung legen Sie freien AGVS-Garagen im Umgang mit Herstellerdaten ans Herz, um sich fit zu machen?
Martin Rohner: Eine Schulung zum Thema Telematik gibt es noch nicht, da das Thema noch jung ist und in den kommenden Monaten viele neue Informationen kommen werden. Für eine freie Garage ist es aber wichtig, sich über diverse Medien zu informieren und die Entwicklung im Auge zu behalten. Sobald sich eine Möglichkeit bietet, in diesen Bereich einzusteigen, sollte man diese Chance ergreifen. So kann man frühzeitig Erfahrungen sammeln und gewinnt einen Wettbewerbsvorsprung.

Diverse Plattformen listen den Autohaltern attraktive Reparaturangebote in seiner Umgebung auf. Wie sollen die Garagisten mit diesem neuen Konkurrenzdruck umgehen?
Jeder Garagist muss sich heute auch mit den Social Media auseinandersetzen und die Marketingmöglichkeiten selbst ausschöpfen. Über diesen Plattformen kann er auch junge Kunden erreichen, die er andernfalls nicht oder schlecht erreicht. Fachkenntnis und Dienstleistungen lassen sich auf diesem Weg ganz anders und ansprechend präsentieren.

 
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