Jetzt die Ausbildung nicht vernachlässigen

30. Dezember 2020 agvs-upsa.ch – Lernende auszubilden, ist für das Autogewerbe elementar. Nur so kann der angespannten Fachkräftesituation erfolgreich entgegengetreten werden. Doch gerade jetzt erschwert die Corona-Pandemie den Berufswahlprozess. Olivier Maeder, in der AGVS-Geschäftsleitung für die Bildung verantwortlich, erklärt, weshalb die Garagenbetriebe jetzt nicht nachlassen dürfen und wie sie dabei vom AGVS unterstützt werden.

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Quelle: AGVS-Medien

abi. Herr Maeder, ganz grundsätzlich: Wie ­stufen Sie die aktuelle Lehrstellensituation im Autogewerbe ein?
Olivier Maeder, AGVS-Bildungsverantwortlicher: Das kommt auf die Perspektive an, mit der man auf die Lehrstellensituation schaut. Nach wie vor keine Sorgen macht mir das Angebot an Lehrstellen, das die Betriebe ausschreiben. Dieses sieht wie in den Vorjahren gut aus. Gemäss den Aussagen unserer Sektionen war bis im Oktober auch die Besetzung der Lehrstellen vergleichbar mit den Vorjahren. Nun ist der Rekrutierungsprozess durch die zweite Welle ein wenig ins Stocken geraten – jedoch nicht so stark wie während des Lockdowns im Frühjahr. Da zumindest unser Aftersales-Geschäft bis auf die Schutzmassnahmen von Einschränkungen verschont wurde und an den Volksschulen der Unterricht weiterhin stattfinden konnte, sind die Schüler auch bestrebt, eine Lehrstelle zu finden.

Aktuell belastet die Corona-Pandemie viele Betriebe und die Ausbildung von Lernenden ist nicht oberste Priorität. Beunruhigt Sie das?
Bei wichtigen Themen – und dazu zähle ich unter anderem die Ausbildung – gilt es immer noch, die Dringlichkeit zu berücksichtigen. Bestimmt gibt es momentan das eine oder andere wichtige Thema, das aus dem Gesichtspunkt der Dringlichkeit eine höhere Priorität hat. So war die Reifensaison diesen Herbst besonders anspruchsvoll: Wegen den Quarantänemassnahmen für einzelne Mitarbeitende wurde die Flexibilität der Betriebe stark beansprucht. Die Lernenden wurden in dieser Zeit genau wie die anderen Fachkräfte besonders gefordert. Das ist positiv, denn Flexibilität und der Umgang mit Druck sind Eigenschaften, mit denen sie auch im künftigen Arbeitsleben ständig konfrontiert sein werden.

Wofür hatten Sie Verständnis?
Verständnis hatte ich für die Betriebe, wenn zum Beispiel das Thema Schnupperlehren nicht gerade zuoberst auf der Agenda stand. Wichtig ist einfach, dass jetzt, sobald die Hektik in den Werkstätten ein wenig nachlässt, auch wieder rege Schnupperlehren angeboten werden, sodass der Rekrutierungsprozess einigermassen im Fahrplan bleibt.

Haben Sie die Befürchtung, dass die aktuelle Situation langfristige Auswirkungen haben wird und die AGVS-Mitglieder künftig weniger Lehrstellen anbieten werden?
Nein, diese Befürchtung habe ich nicht. Unseren Mitgliedern ist bewusst, wie wichtig es ist, junge Berufsleute auszubilden. Es geht darum, dass sie für ihren Betrieb und das Automobilgewerbe die Basis schaffen, um den Fachkräftebedarf decken zu können. Damit das Schweizer Berufsbildungssystem funktioniert, ist unabhängig von der Branche das Anbieten von Lehrstellen notwendig. Die Berufslehre in den Betrieben ist das Herzstück des Systems, um den Berufsnachwuchs zu sichern. 
 
Wie sieht die Fachkräftesituation im ­Autogewerbe aus?
Wie in anderen Branchen ist auch bei uns die Fachkräftesituation angespannt. Um den Bedarf qualitativ und quantitativ sicherzustellen, ist es unumgänglich, dass die Garagen selbst Lernende ausbilden. 

Wie unterstützt der AGVS die Garagisten dabei? Denn gerade auch der reguläre ­Ablauf des Berufswahlprozesses ist ­derzeit ja erschwert.
Grundsätzlich setzen wir uns zusammen mit dem Schweizerischen Gewerbeverband dafür ein, dass die wirtschaftlichen Einschränkungen auf das Notwendigste reduziert werden. Damit soll die Geschäftstätigkeit in den Betrieben und auch in der Ausbildung aufrechterhalten werden. Wir verstärken zudem unsere Aktivitäten in den sozialen Medien und bauen unsere Informationsplattform autoberufe.ch laufend aus. So haben wir zum Beispiel die Porträts von jungen Berufsleuten, die für die Plattform «SwissSkills Connect» erstellt wurden, auf autoberufe.ch integriert. Auch haben wir mit weiteren Videos den Bereich «Online-Schnuppern» ausgebaut. So können sich die Schülerinnen und Schüler über die Vielfältigkeit unserer Grundbildungen informieren.

Was unternehmen Sie zusätzlich, um Jugendlichen das Autogewerbe schmackhaft zu machen?
Wir engagieren uns an nationalen Kampagnen und haben unter anderem zu derjenigen von berufsbildungplus.ch den aktuellen Beitrag «Lerne Automobil-Mechatroniker/-in, werde Automobildiagnostiker/-in» beigesteuert. Ausserdem arbeiten wir mit Medieninformationen und dem Beantworten von Medienanfragen kontinuierlich am Image des Autogewerbes und weisen auf die interessanten Grundbildungen sowie die Entwicklungsmöglichkeiten dank der vielfältigen Weiterbildungen hin. 

Wie sieht es mit Berufsmessen aus?
Wir sind trotz der angespannten finanziellen Situation bestrebt, die Sektionen bei der Durchführung der Berufsmessen zu unterstützen – sofern diese dann im Jahr 2021 auch durchgeführt werden können. Das hoffen wir natürlich sehr. Zudem sind unsere Sektionen bemüht, die AGVS-Eignungstests unter Einhaltung der Schutzmassnahmen auch in der aktuellen Situation durchzuführen. 

Corona hat nicht nur Einfluss auf die zukünftigen Lernenden, sondern auch auf diejenigen, die sich bereits in der Ausbildung befinden. Wie schätzen Sie deren Situation ein?
Corona ist für die gesamte Bevölkerung eine grosse Herausforderung. Für die jungen Lernenden besonders, vor allem auch, weil sie in ihren Freizeitaktivitäten stark eingeschränkt sind. Die junge Generation tut sich verständlicherweise schwerer damit, mit Einschränkungen umzugehen. Wichtig ist für unsere Lernenden aber auch, dass die Garagenbetriebe weiterhin offen bleiben. Sie haben dadurch einen strukturierten Arbeitstag und werden gefordert. Auf die gesamte Lehrzeit gesehen, werden ihnen keine Nachteile entstehen – trotz beispielsweise einigen Wochen Fernunterricht.

Gibt es Verbesserungspotenzial oder etwas, auf das die Ausbildner aktuell ein besonderes Augenmerk legen sollten?
Zuerst möchte ich bei dieser Gelegenheit unseren Berufsbildnern und den Lehrern für ihren grossen Einsatz in dieser speziellen Zeit herzlich danken. Uns ist bewusst, dass die Situation von allen viel abverlangt. Grundsätzlich und besonders in der aktuellen Situation sollte Wertschätzung gezeigt und auf eine gute Kommunikation untereinander geachtet werden, damit das Soziale nicht zu kurz kommt. Auch hier gilt: Gemeinsam sind wir stärker. Bekanntlich entstehen gute Teams oft dann, wenn sie zusammen eine schwierige Situation gemeistert haben. 

Nach einem verkürzten Qualifikationsverfahren 2020 stehen im Sommer die ­nächsten Abschlussprüfungen an. Können Sie bereits etwas zum Qualifikations­verfahren 2021 sagen?
Die im Jahr 2020 diesbezüglich gebildete nationale Taskforce, bestehend aus Vertretern von Bund, Kantonen, Arbeitgeberverbänden und Arbeitnehmerorganisationen, beschäftigt sich seit Mitte November wieder mit dem Thema. Der AGVS ist Mitglied der Begleitgruppe, die den Schweizerischen Gewerbeverband und den Arbeitgeberverband unterstützt. Von Mitte November bis Ende Dezember fand wöchentlich ein Austausch statt, Szenarien wurden ausgearbeitet und diskutiert. Grundsätzlich ist man sich auf Arbeitgeberseite einig, dass, wenn immer möglich, ordentliche Qualifikationsverfahren durchgeführt werden sollen. Erfreulicherweise ist dies auch die Meinung der Lernenden: Auch sie wollen zum Lehrabschluss beweisen, was sie während der Ausbildungszeit gelernt haben. Das Ziel ist, möglichst früh Gewissheit zu haben, wie das QV 2021 durchgeführt werden kann. So können wir rechtzeitig für alle involvierten Stellen Planungssicherheit schaffen.
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