«Der Wettbewerb motiviert, zur Höchstleistung aufzulaufen»


Weit mehr als eine Pflichtaufgabe für den Verband: Olivier Maeders Bemühungen für die Nachwuchsarbeit im Autogewerbe kennen keinen 40-Wochenstunden-Betrieb.

27. November 2018 autoberufe.ch – Am 8. Dezember wird am Eurocup in der Mobilcity ermittelt, welcher Automobil-Mechatroniker die Schweiz nächsten Sommer an den WorldSkills vertritt. Ein Gespräch mit dem AGVS-Berufsbildungsverantwortlichen Olivier Maeder über die Favoritenrolle in Bern, über Roboter in der Garage der Zukunft und über die Herausforderung, die Bildungsinhalte an die zunehmende Dynamik der Industrie anzupassen.

sco. Herr Maeder, die Schweizer  Automobil-Mechatroniker werden am 8. Dezember am Eurocup von Florent Lacilla, Damian Schmid und Steve Rolle vertreten. Der Beste wird im August 2019 an den WorldSkills teilnehmen. Wen sehen Sie in der Favoritenrolle?
Olivier Maeder: Alle drei haben realistische Chancen, das Ticket für die WorldSkills zu lösen. Florent, unser Schweizer Meister, macht den ruhigsten Eindruck auf mich. Er lässt sich kaum aus der Ruhe bringen und wird beim Eurocup wiederum eine konstant gute Leistung zeigen. Damian, der Nutzfahrzeug-Automobil-Mechatroniker, ist der grösste Kämpfer. Wenn es darauf ankommt, kann er nochmals zulegen. Dies hat der Ostschweizer am letzten Posten der SwissSkills, der ihn auf einen Podiumsplatz hievte, eindrücklich bewiesen. Steve Rolle, der mit 21 Jahren bereits drei EFZ-Abschlüsse als Automobil-Fachmann NF, Automobil-Mechatroniker NF und Automobil-Mechatroniker PW hat, ist immer aufgestellt und locker. Sollte ihm ein Posten misslingen, wird er den nächsten trotzdem wieder unbelastet angehen. Die Qualifikation gönne ich natürlich allen dreien, doch nur einer wird die Schweiz im Jahr 2019 in Russland an den WorldSkills vertreten können. 
 

Flavio Helfenstein, Weltmeister von 2011 und AGVS-Experte, wird das Trio noch unter seine Fittiche nehmen. Was kann er ihnen an einem Tag in seinem Betrieb in Hildisrieden mitgeben?
Es geht einerseits darum, sie fachlich gezielt auf den Eurocup vorzubereiten, andererseits sie zu motivieren, damit sie eine  Topleistung abliefern. Die mentalen Stärken sind ebenso wichtig wie das fachliche Know-how. Niemand ist dazu besser geeignet, als unser WorldSkills-Experte und Weltmeister von 2011.

Wie wichtig sind diese Meisterschaften für das Autogewerbe?
Berufswettbewerbe sind sowohl für das Image der Autoberufe wichtig als auch eine zentrale Motivation für jeden Teilnehmenden, zur Höchstform aufzulaufen. Die Kommunikation von Spitzenresultaten an Wettbewerben verstärkt die Aufmerksamkeit für unsere aktuellen und attraktiven Autoberufe. Die Leistungen am Eurocup am 8. Dezember erlauben zudem Rückschlusse auf die Stärke des jeweiligen Berufsbildungssystems und auf die Arbeit der Bildungspartner Schule, überbetrieblicher Kurs sowie Betrieb. Dass diese Zusammenarbeit im dualen Berufsbildungssystem funktioniert, bewies der Doppelsieg von Riet Bulfoni und Janik Leuenberger an den SwissSkills im Jahr 2016 eindrücklich.

Der 19-jährige Freiburger Florent Lacilla hat sich an den SwissSkills den Schweizer Meistertitel unter den Automobil-Mechatronikern geholt. 

Auf all diese jungen Berufsleute wartet die Industrie 4.0. Wie stellt der AGVS sicher, dass die in der beruflichen Grundbildung vermittelten Inhalte auch in fünf bis zehn Jahren noch ihre Gültigkeit haben?
Die überarbeiteten und somit topaktuellen Grundbildungen werden seit August umgesetzt. Die Automobil-Mechatroniker, die ihre Lehre in knapp vier Jahren mit dem Qualifikationsverfahren abschliessen, haben ihre Grundbildung dann erstmals komplett nach der neuen Bildungsverordnung absolviert. Durch die Handlungsorientierung der Berufe wird die Praxisnähe weiter gestärkt. Inhalte wie Hochvolt, Elektro und alternative Antriebe sowie Assistenzsysteme gehören neu in diese Grundbildung und waren vorher dem Automobildiagnostiker vorbehalten. Ausserdem haben wir im Bildungsplan die Inhalte nicht mehr detailliert festgehalten. Dies tun nun die Ausbildungsprogramme. Diese können wir seitens des Verbandes ohne Revision bei Bedarf jederzeit aktualisieren. Die Entwicklung der Technologie wird genau verfolgt – entsprechend werden auch künftig die Kompetenzen der Berufe angepasst.

Vor 20 Jahren hatten wir Auto-Mechaniker, jetzt bilden wir Automobil-Mechatroniker aus. Wann werden IT-Fachleute das Zepter in den Garagen übernehmen?
Professor Dillenbourg von der ETH Lausanne hat diese Frage am «Tag der Schweizer Garagisten» 2018 beantwortet. Aus seiner und auch aus unserer Sicht werden die bekannten Berufsbilder fortbestehen. Die Lernenden müssen jedoch die Kompetenzen erlernen, die es ihnen gestatten, neben den aktuellen – zu gegebener Zeit – auch die künftigen technischen Systeme zu verstehen. Es ist aber durchaus denkbar, dass es einst neben den bekannten Fachrichtungen Personenwagen und Nutzfahrzeuge weitere Spezialisierungen geben wird. Wir denken dabei an Vertiefungen in Richtung Elektromobilität oder Systemtechnik.

Es gibt Stimmen, die behaupten, in nicht allzu ferner Zukunft würden alle Berufe aussterben, die von Computern resp. Robotern übernommen werden können. 
Durch die Digitalisierung wird sich die Berufslandschaft stark verändern. Berufe verschwinden, neue entstehen. Und viele Berufe – dazu zähle ich auch unsere – müssen laufend den Entwicklungen angepasst werden. Es liegt im Bereich des Logischen, dass einfachere Routinearbeiten wie der Radwechsel automatisiert werden. Doch unsere Betriebe werden auch mittel- bis langfristig Fachkräfte benötigen.
 


Silbermedaillist Damian Schmid, der Nutzfahrzeug-Mechatroniker aus dem st. gallischen Nesslau überzeugt an den SwissSkills mit Nevenstärke und Beharrlichkeit.

Der Trendbericht des Schweizerischen Observatoriums für die Berufsbildung (OBS EHB) plädiert für ein flexibleres Berufsbildungssystem, um dem technologischen Wandel besser Rechnung tragen zu können. Was bedeutet das für das Autogewerbe?
Das könnte für die Ausbildung bedeuten, dass gewisse Module in einer Grundbildung über verschiedene Berufe denselben Inhalt haben. Das Ziel bleibt: Die Fachkräfte müssen mit vernünftigem Aufwand in der Lage sein, auch die in einer anderen Branche notwendigen Kompetenzen zu holen. Für das Autogewerbe sehe ich durchaus Vorteile. Heute bedienen sich verschiedenste Branchen an unseren Fachkräften, künftig besteht allenfalls auch die Möglichkeit, dass wir aus anderen Branchen Fachleute rekrutieren können.
 
Wie bereits angesprochen, wurde per 1. August die neue Bildungsverordnung für die technischen Berufe eingeführt. Das Observatorium schlägt offenere Bildungspläne vor. Bedeutet das, dass Bildungsverordnungen, wie wir sie jetzt kennen, bald obsolet werden?
Obsolet werden die Verordnungen und die Bildungspläne nicht, da gewisse Rahmenbedingungen auch in Zukunft in diesen Dokumenten festgehalten werden müssen. Doch als Berufsverband und als Branche soll man künftig wesentlich flexibler und selbstständiger die Bildungsinhalte der Technologie und dem Bedarf entsprechend anpassen können. Dies ist mittelfristig unabdingbar, um der Geschwindigkeit der Entwicklungen gerecht zu werden. Die aktuelle Revision hat fünf Jahre gedauert, bald schon müssen Anpassungen innerhalb von einem bis zwei Jahren möglich sein. 


Steve Rolle, der Freiburger Bronzemedaillist der diesjährigen SwissSkills, verfügt über drei Eidgenössische Fähigkeitszeugnisse und besitzt zahlreiche selbst aufbereitete Oldtimer. Seine Leidenschaft für Mechanik begleitet ihn schon seit vielen Jahren.
 
Die Lehrpersonen an den Berufsfachschulen sowie die Leiterinnen und Leiter von überbetrieblichen Kursen sehen sich «Digital Natives» gegenüber, die mit Smartphones und Social Media aufgewachsen sind. Wie vermitteln Sie diesen Lehrpersonen die nötige digitale Kompetenz?
Einerseits gibt es Kursangebote, beispielsweise vom EHB, um diese Kompetenzen zu vermitteln, anderseits sind die Ausbildner in der Lage, sich selbst in der Welt der neuen Technologien zurechtzufinden. Es ist ein Wechselspiel, denn die Generation der Ausbildner profitiert in diesem Umfeld vom Know-how der Schülerinnen und Schüler respektive von jenem der eigenen Kinder. Durch den Einsatz von elektronischen Lehrmitteln müssten sich die Lehrpersonen mit den neuen Technologien auseinandersetzen. Das gelingt ihnen ganz gut.
 
Wenn Sie von einem 14-Jährigen gefragt werden, ob er seine berufliche Grundbildung in der Dorfgarage mit vier Mitarbei­tenden oder in einer Grossgarage in der Agglomeration machen soll: Wie lautet Ihr Ratschlag?
Die Mehrheit der Generation Z stellt diese Frage gar nicht. Sie suchen sich das Umfeld aus, das ihnen am besten entspricht. Eine qualitativ gute Ausbildung können sie sowohl im Gross- oder mittelgrossen Betrieb als auch in der Kleinstgarage  geniessen. Das Klima wird im Wesentlichen von der Betriebsführung geprägt – so ist es auch bei der Ausbildungsqualität, die massgeblich von den Berufsbildnern gestaltet wird. Hier empfehlen wir allen – egal, ob Gross- oder Kleinbetrieb –, unsere eintägigen Didaktikmodule zu besuchen. Aktuell drehen sich die Kurse um die Themen «Neue Bildungspläne» und «Lernende selektieren». 

Programm Samstag, 8. Dezember

7.30 Uhr:
Wettkampfbeginn
11.20 – 12.30 Uhr: Mittagspause
17.45 Uhr: Ende des Wettkampfs
18.15 Uhr: Rangverkündigung
Ort: Mobilcity, Wölflistrasse 5, 3000 Bern

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